„[…] gegen den Geist Christi versündigt“. Kritischer Rückblick eines Feldgeistlichen

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Im Oktober 1918 erschien im Mecklenburgischen Kirchen- und Zeitblatt ein bemerkenswerter Aufsatz von Pastor Lic. Joachim Schlüter (1886-1919). Schlüter hatte sich bereits im September 1914 um eine Feldpredigerstelle bemüht, wurde aber erst im November 1917 übernommen.

Pastor Joachim Schlüter

Foto: P. Joachim Heinrich Christian Schlüter von Jörg Utpatel

Die enge Bindung der Geistlichen an Staat und Obrigkeit und die Verflechtung von Thron und Altar machte die Stellung der Pastoren gegenüber den einfachen Soldaten und deren Glaubwürdigkeit nicht immer leicht. Über die Wirkung der Militärseelsorge machte sich Schlüter in seinem pointierten Aufsatz „Die Seele des Frontsoldaten“ daher nur noch wenig Illusionen: „Die Masse der Soldaten glaubt weder an Gott noch an ein ewiges Leben, und wo sie es tut, ist dieser Glaube so verschwommen, daß er praktisch nicht von Bedeutung ist […]. Übertriebene Vorstellungen von der Wirkung des kurzen Gottesdienstes im Felde darf man sich natürlich nicht machen, die meisten gehen dahin und bleiben wie sie waren, nur daß vielleicht für Augenblicke einmal die Ahnung und das Gefühl des Ewigen durch ihre Seele gegangen ist. […] Gott hat sein Volk auch unter den Feldgrauen, aber ich wollte ein Bild der Masse, des Durchschnitts entwerfen, damit unsere Kirche sich nicht täusche über den Seelenzustand der heimkehrenden Krieger.“

Feldgottesdienst

Foto: Feldgottesdienst in der Nähe der Somme, 1916 (Axel Attula)

Schlüter war einer der wenigen, die geläutert aus dem Krieg zurückkehrten. War es 1914 noch sein „dringendster Wunsch mit ins Feld hinaus zu dürfen“, so beurteilte er in einem Artikel vom April 1919 die Rolle der Kirche rückblickend kritisch: „Oft genug hat die evangelische Verkündigung während des Krieges sich schwer gegen den Geist Christi versündigt durch maßlose Kriegsverherrlichung, indem sie Gott vor die Kanonen und Maschinengewehre spannte. Damit hat sie gerade bei den Soldaten ihrer Sache sehr geschadet. Wir Pastoren sollen nicht den Krieg verherrlichen, sondern ihn darstellen als eine scheußliche Ausgeburt menschlicher Sünde, die Gott haßt, wie er nur das Böse hassen kann. Nur weil es nichts restlos Gottloses in der Welt gibt und auch das Böse ein Teil von jener Kraft ist, die das Böse will und doch das Gute schafft, so ist auch der Krieg ein Mittel in Gottes Hand. Überall in der Welt, wo für Freiheit, Völkerfriede und Gerechtigkeit gekämpft wird, da sollen wir in der vordersten Reihe kämpfen.“

Schlüter hat seine zivile Pfarrstelle in Parchim nicht wieder angetreten. Noch im selben Monat erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Am 22. Mai 1919 nahm er sich das Leben.

Axel Attula (Museum Kloster Ribnitz) und Dr. Johann Peter Wurm (Landeskirchliches Archiv der Nordkirche, Standort Schwerin)

Im Bestand 10.00.06, Oberkirchenrat Schwerin, Personalia und Examina (Mecklenburg) gibt es auch eine Akte zu Pastor Joachim Heinrich Christian Schlüter. Sie ist im Landeskirchlichen Archiv der Nordkirche, Standort Schwerin einzusehen.

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